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Entwicklungen und aktuelle strategische Prioritäten
Belgium - German-Speaking Community

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7.Erwachsenenbildung und -weiterbildung

7.2Entwicklungen und aktuelle strategische Prioritäten

Last update: 31 March 2026

In der formalen Erwachsenenbildung ("schulische Weiterbildung")

Die Studie der katholischen Universität Louvain "Vue de L' enseignement de promotion sociale au croisement des chemins" von 2021 zeigt auf, dass sich die formale Erwachsenenbildung (auf Französisch "promotion sociale") in Belgien aus dem Spannungsfeld zwischen drei Bereichen entwickelt hat: dem klassischen Unterrichtswesen, der beruflichen Ausbildung und der nicht-formalen Erwachsenenbildung. Während das Unterrichtswesen durch lange Zeiträume und Zertifizierungen geprägt ist, ist die berufliche Ausbildung auf kürzere Einheiten ausgelegt, um eine schnelle Integration in die Arbeitswelt zu fördern. Organisationen der nicht-formalen Erwachsenenbildung setzten dagegen eher auf Gruppenarbeit und den Austausch von Ideen, ohne das (primäre) Ziel von Zertifizierungen.

Obwohl der Begriff „promotion sociale“ offiziell im Gesetz vom 7. Juli 1970 verankert wurde, existierte diese Form der Weiterbildung bereits seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Verschiedene Institutionen, wie Sonntags- und Abendkurse, wurden in den Industriegebieten der wallonischen Region gegründet, um Arbeitern und Angestellten die Möglichkeit zur Qualifikation und Verbesserung ihrer Fähigkeiten zu bieten.

In den 1950er Jahren wurde der zunächst „enseignement à horaire réduit“ genannte Unterricht durch die koordinierten Gesetze über das technische Unterrichtswesen von 1957 und 1959 mit dem Vollzeitunterricht harmonisiert, um den Studierenden einen nahtlosen Übergang zu ermöglichen. 

Die Individualisierung der Ausbildungswege wurde in den 1970er Jahren betont, insbesondere in der Zeit steigender Arbeitslosigkeit in West-Europa. 

Seit dem 1. Januar 1989 liegt die Verantwortung für Bildungsangelegenheiten in Belgien nicht mehr beim Zentralstaat, sondern bei den Regionen und Gemeinschaften.

Die Struktur der formalen Erwachsenenbildung variiert zwischen den Gemeinschaften. In Flandern bieten die „Centra voor volwassenenonderwijs“ (CVO) hauptsächlich Sekundarbildung an, während das Angebot in der Französischen Gemeinschaft von Grundausbildung bis zu Masterprogrammen reicht.  

Bis auf eine städtische Abendschule, haben in der Deutschsprachigen Gemeinschaft, die „Institute für schulische Weiterbildung“ ihren Sitz in den bestehenden Sekundarschulen. Das Angebot geht von zertifizierenden Grundkursen in Sprachen und IT hin zu sekundären (Abitur) und post-sekundären Abschlüssen (die Brevets in Kochen und Nähen).  Der Unterricht findet in der Regel in Abendform von September bis Juni statt. 

Aktuell werden von Seiten der schulischen Weiterbildung neue Bildungsformate getestet, die es Erwachsenen ermöglichen soll in den beruflichen Regelunterricht einzusteigen. 

In der nicht-formalen Erwachsenenbildung

Auf Ebene der nicht formalen Erwachsenenbildung, können private (d.h. in VoG organisierte) Erwachsenenbildungseinrichtungen seit vielen Jahren von der Deutschsprachigen Gemeinschaft anerkannt werden und einen Zuschuss erhalten. Die Bezuschussung wird aktuell über das Dekret zur Förderung der Einrichtungen der Erwachsenenbildung vom 17. November 2008 geregelt. Darin wird die Rolle der Einrichtungen der Erwachsenenbildung folgendermaßen beschrieben: Ziel ist es ein „koordiniertes Bildungsangebot anzubieten, das den Bürgerinnen und Bürgern zur Verbesserung ihrer Schlüsselkompetenzen und zum Erwerb neuer Fähigkeiten verhilft. Ziel ist die Förderung der sozialen Integration, der Chancengleichheit im weitesten Sinne, der kollektiven Handlungsfähigkeit und des Bürgerschaftssinns sowie das Erlernen grundlegender sozialer und bürgerlicher Werte“. Jede Einrichtung der Erwachsenenbildung gestaltet ihr Kursangebot gemäß ihrer jeweiligen Zielsetzung.

In der Deutschsprachigen Gemeinschaft sind die nicht-formalen Erwachsenenbildungseinrichtungen in der Regel aus politischen und gesellschaftlichen Bürgerbewegungen entstanden. 

Zum ersten Mal wurde 1981 ein Rat für Erwachsenenbildung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft für die nicht-formale Erwachsenenbildung geschaffen. Hauptaufgaben sind die Interessensvertretung seiner Mitglieder sowie die Erstellung von Gutachten in Angelegenheit Erwachsenenbildung für die Regierung und das Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft. 

Im Jahr 2025 hat die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft das Projekt “Neuorientierung der außerschulischen Erwachsenenbildung” auf den Weg gebracht: durch eine Reduzierung der administrativen Arbeit sollen mehr Freiräume für die Erwachsenenbildungseinrichtungen geschaffen werden, um Angebote zu planen und umzusetzen, die eine Antwort sowohl auf die Bedürfnisse der Bürger als auch auf den gesellschaftlichen und technischen Wandel sind. Die Steigerung qualitätsreicher und bürgernaher Angebote sowie eine bessere Sichtbarkeit soll zu einer größeren Wertschätzung der gesellschaftspolitischen Arbeit der Einrichtung der Erwachsenenbildung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft führen. Das aktuelle Dekret und der dazugehörige Ausführungserlass sollen entsprechend angepasst werden. 

Im Mittelstand

Die Geschichte der mittelständischen Bildung in Ostbelgien ist eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Region und der schrittweisen Autonomie der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) verbunden. Sie hat sich von traditionellen Handwerkslehren zu einem modernen, dualen Ausbildungssystem entwickelt, das als Vorzeigemodell gilt. 

Die Wurzeln liegen im preußischen Bildungswesen (vor 1919) und später im belgischen System. Mit der zunehmenden Autonomie der Deutschsprachigen Gemeinschaft entwickelte sich ein eigenständiges Ausbildungssystem. Das Institut für Aus- und Weiterbildung im Mittelstand (IAWM) wurde als zentrale Aufsichtsbehörde geschaffen, mit der Rolle die mittelständische Lehre zu organisieren: zunächst wurden zwei Ausbildungszentren („Zentren für Aus- und Weiterbildung im Mittelstand“, kurz ZAWM) gegründet. Später fusionierten diese beiden Zentren zu einem einzigen ZAWM mit zwei Standorten. Das ZAWM kombiniert theoretischen Unterricht mit der praktischen Ausbildung im Betrieb. 

Im Mittelpunkt steht die duale Ausbildung für Jugendliche ab 15/16 Jahren (Lehrvertrag). Es gibt eine zunehmende Öffnung der dualen Ausbildung für Erwachsene, insbesondere durch die Validierung nicht-formal und informell erworbener Kompetenzen (siehe Projekt KomAn). Zudem wurde das Maximalalter von 29 Jahren für den Abschluss eines Lehrvertrags abgeschafft.

Die Betriebe in der Deutschsprachigen Gemeinschaft klagen seit Jahren über Fachkräftemangel. Offene Lehrstellen im Mittelstand können trotz Schnupperwochen, Lehrstellenbörse und anderen Aktionen nicht mit motivierten und geeigneten Kandidaten besetzt werden. Hinzu kommt die demographische Entwicklung, die die Zielgruppe der potenziellen Lehrlinge von Jahr zu Jahr kleiner werden lässt. Das „Matching“ zwischen ausbildungsbereiten Betrieben und registrierten Arbeitssuchenden verläuft trotz kurzer Wege in der DG unbefriedigend. Der Abgleich von Ausbildungsangeboten und die Zuordnung von Bewerbern verlaufen in der DG ohne konsequente Regie. Hier besteht weiterhin Bedarf einer eng verzahnten Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt, auch im Hinblick auf die Schaffung von geeigneten “Teilqualifizierungen”.